Der Ball ist rund

Es gibt Menschen in diesem Lande, die dürften nicht so glücklich über die Corona-Lockerungen sein, die gerade von vielen Bundesländern durchgeführt werden (Anm.d.Red.: Ich muss zugeben, dass mir die aktuellen Lockerungen in Sachen Corona irgendwie unlogisch erscheinen. Die 7-Tages-Inzidenzen steigen stetig und sind inzwischen weit über 100. In den Medien vergeht kein Tag, an dem nicht ein maskierter Intensivmediziner aus irgendeinem Provinzkrankenhaus seine unwichtige Murmel vor die Kamera hält, um sein Unverständnis auszudrücken, dass auf seiner Station angeblich nur Ungeimpfte liegen und er kein Personal mehr hat. Auch wenn man einem geschenkten Gaul nichts ins Maul schaut, kann ich mir die aktuelle coronale Entspannung nicht erklären). In erster Linie wären da die Coronatiker zu nennen, die sich seit Beginn der Pandemie mit einem Bein im Grab wähnen, sobald neben ihnen einer hustet.

Dann wären da natürlich noch die Kontrollnazis, diese armseligen und trotzdem politisch erwünschten Kreaturen, denen Regeln ohnehin nur dem Selbstzweck dienen. Für jemanden, der bisher nur Parksünder anscheißen konnte, müssen die letzten 20 Monate das Paradies auf Erden gewesen sein (Anm.d.Red.: Für Leser aus anderen Kulturkreisen: Es muss sich angefühlt haben, wie die Befreiung von der ewigen Wiedergeburt, beziehungsweise die Reinkarnation als Gott oder bei den extremeren Glaubensansichten, wie die 72 Jungfrauen ohne Märtyrertod. Allerdings glaube ich nicht, dass dieser Charakterzug der Denunziation außerhalb der christlichen Biodeutschen sehr weit verbreitet ist).

Am Wochenende habe ich noch eine ganz neue Personengruppe ausgemacht, die wehmütig auf die letzten, fast zwei Jahre andauernden Corona-Beschränkung zurückblicken dürfte. Hierbei handelt es sich um die Protagonisten einiger Bundesliga-Fußballvereine. Jetzt, wo mit den Corona-Lockerungen in den meisten Stadien fast wieder eine volle Zuschauerauslastung erlaubt ist, werden einige schmerzlich daran erinnert werden, dass es nicht der Lockdown war, der für leere Ränge sorgte, sondern die unerträglich langweilige Spielweise der eigenen Mannschaft und die Bedeutungslosigkeit des eigenen Vereins. Die einzige Ausnahme macht hier offensichtlich Schalke 04. Dort war das Stadion am Wochenende gegen Dresden mit 56.000 Zuschauern offensichtlich ausverkauft. Das verstehe wer will.

Ganz andere Probleme hat gerade der FC Bayern, vielmehr Joshua Kimmich, den die Bild-Zeitung am Wochenende als ungeimpft outete. Zunächst einmal finde ich es nach wie vor befremdlich, dass eine persönliche Entscheidung, was man in den eigenen Körper spritzt, einfach über die Grenzen einer Arztpraxis hinaus kommuniziert werden darf und in der Folge derart zur gesellschaftlichen Ächtung führt (Anm.d.Red.: Siehe dazu auch mein Blog vom 27.09.21, ´A million ways to die in Germany´). Schuld daran ist natürlich nicht das Virus selbst, sondern die Hetzkampagne von Politik und Medien, mit der Ungeimpfte zu den berühmten Sozialgefährdern gemacht wurden.

Wenn es dann noch, wie im Falle von Joshua Kimmich, Personen sind, die in der Öffentlichkeit stehen, dann ist es inzwischen üblich, dass ungefragt jeder sich offenbar bemüßigt und auch berechtigt fühlen darf, darüber zu richten. Nun mag die Tatsache, dass Kimmichs Impfstatus von der Bild-Zeitung kommuniziert wurde, fragwürdig erscheinen. Trotzdem, jetzt, wo die Sache bekannt ist, darf ein wenig Kritik gestattet sein, zumal Kimmich sich als Mitbegründer der Kampagne ´#WeKickCorona´ inszeniert hat, die sich für eine gerechte Verteilung des Corona-Impfstoffes weltweit einsetzt. Als Impfskeptiker hätte er diese Kampagne mal besser ausgelassen, denn sogar ich würde meinen, dass man als Gesicht einer solchen Kampagne der Impfung der eigenen Person positiv gegenüberstehen sollte.

Ansonsten lief alles nach dem üblichen Schema ab. Als Ungeimpfter spricht man dem Fußballer jegliche Kompetenz ab, über mögliche Nebenwirkungen und Spätfolgen einer Impfung urteilen zu können. Gut, meist reicht die geistige Kapazität ohnehin nicht, aber in Sachen Corona kommt erschwerend die Mär hinzu, dass alle Bedenken grundsätzlich bewusste Falschinformationen von bösen Verschwörungstheoretikern sind und allein die Aussagen zur Ungefährlichkeit der Corona-Impfung von echten Experten geäußert werden (Anm.d.Red.: In diesem Zusammenhang möchte ich allen in Erinnerung rufen, dass mir genug Menschen namentlich bekannt sind, die von der Corona-Impfung bleibende Schäden davongetragen haben oder wie ein Bekannter noch im künstliche Koma liegt.  Auch sollte man an die Fälle bei der Schweinegrippeimpfung denken, die Narkolepsie bekommen haben). Es ist unerträglich, dass sich Politiker, Reporter und sogar Experten wie der Ethikrat in einer Demokratie hinstellen dürfen und fordern, dass jemand, der in der Öffentlichkeit steht allein die vorherrschende Meinung zu vertreten hat. Dieselben Leute, die sich erdreisten Diktatoren wie Erdogan zu kritisieren, wenn der andersdenkende einfach wegsperrt. Wo bleibt da die Logik? Erdogan glaubt schließlich auch, dass er mit seiner Meinung im Recht ist. 

Auch wurde wie immer nicht thematisiert, dass Profisportler mit Jugendlichen etwas gemein haben. Es gab kaum schwere Verläufe und keine Corona-Toten. Wozu soll also jemand wie Kimmich ein Impfrisiko in Kauf nehmen, wenn sich doch sinnvollerweise besser die Risikogruppen schützen könnten.

Ich mach mir wenig Sorgen um den Bayern Kicker. Selbst wenn er sich weiter sträubt, ist er ein zu starker Leistungsträger als dass sein Verein ihn aus dem Kader werfen würde. Deshalb gehe ich eigentlich davon aus, dass sich das Thema im Sande verlaufen wird. 

Allerdings bestehen noch zwei andere Möglichkeiten. Möglicherweise war es gar keine Sportlerblödheit an einer Kampagne teilzunehmen und sich hinterher selber nicht impfen zu lassen. Vielleicht war genau diese Strategie geplant und Kimmich wird sich nach eingehenden Diskussionen mit Pfeifen wie Karl Lauterbach vom coronalen Saulus zum Paulus entwickeln und sich überzeugt von den richtigen Argumenten medienwirksam impfen lassen. In diesen Zeiten ein nicht zu weit hergeholter Gedanke.

Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass jemand von einer anderen Diskussion ablenken wollte. Solange alle über die Sinnhaftigkeit einer Impfung bei Joshua Kimmich diskutieren, kommt niemand auf die Idee über den Impfdurchbruch seines Trainers Julian Nagelsmann nachzudenken. Nur eines ist ironischerweise sicher. Joshua Kimmich hat ihn jedenfalls nicht angesteckt.

Über die Impfdurchbrüche denke ich morgen nach. Den heutigen Tag möchte ich mit einem sehr bezeichnenden Spruch einer ´welt´- Moderatorin beenden: ´Kimmich möchte sich nicht impfen lassen aufgrund vermeintlich fehlender Langzeitstudien´.

 

Nachtrag: Ich war heute zum ersten Mal seit beginn der Pandemie mal wieder im Stadion. Kurze Zusammenfassung: Wenn man schon glaubt Corona mit Regeln besiegen zu können und sich dazu Gedanken über Corona bei den Spielern auf dem Feld macht, der setzt definitiv die falschen Schwerpunkte.